In der Kneipe . . . 

    Beobachtungen von Colin "aleks" W.  Vaupel

...geh ich eben hin, besoffen, wie ich bin...

             

Sie sitzen in ihrer Kneipe, in ihrer Stammkneipe.  Wissen sie warum? Ist es der Alkohol der ruft? den könnten sie doch auch zu Hause trinken - da wäre er sogar noch billiger.

Nee, der Alkohol ist es sicherlich nicht, da trinkt ja gerade eine ein Glas Apfelsaft. Vielleicht ist es doch der Alkohol, nur, dass diese Frau im Moment keinen trinkt, weil sie ein Baby bekommt.

Na ja, jedenfalls sind sie da.  Ich auch. Ich auch – und ich höre zu – beobachte.

 

Sie reden über die tollen Sachen, die sie in der letzten Zeit so gemacht haben.  Sie sind großartig.  Sie sind einfach großartig, diese Leute.

Eine Frau stieß gerade zu einer Gruppe von Kneipenmenschen, (Stieß - wie das klingt) jedenfalls stieß sie dazu und, man sollte es nicht für möglich halten, sofort versuchte sie sich in den Mittelpunkt zu drängeln.  „Bla bla bla“ und noch mal „bla.“  Ich frage mich, wieso tut sie das? Das hätte sie doch gar nicht nötig.  Jedenfalls bei mir nicht.  Ich würde sie gerne einladen auf ein Glas - bei mir zu Hause.  Ich allein, verdammt allein und einsam.  Ich würde gerne schlafen mit ihr.  Scheiße, schon ist sie im Mittelpunkt.  Ich habe keine Chance mehr sie in den Bann meiner grünen Augen zu ziehen. 

 

Na ja, auf der anderen Seite ist sie auch nicht meine Welt.  Die da drüben riechen (stinken) nach Geld, wie gesagt: nicht meine Welt.

Immerhin, ihre Zigaretten, so lange Dinger mit Goldfilter, holt sie selber.  Gibt es keine Kavaliere mehr?

Das Fräulein vom Dienst (Bedienung) gibt sich Mühe, wird aber offiziell nicht beachtet.  Sicherlich möchte der eine oder andere mal mit ihr.  Sicherlich der andere.  Ich nicht.  Nicht mehr.  Ich hatte schon das Vergnügen.  Vergnügen?

 

Eine Andere ruft verschämt, so halb versteckt hinter einem Eckpfeiler, einen Anderen.  Ich glaube er ist jünger.  Sie fragt ihn, ob er sich nicht zu ihr setzen will. Er springt auf, wirft ein Glas um, natürlich alles über die Hose, seine Hose, setzt sich verschämt wieder.  Ende.  Nein, nicht Ganz.  Sie fast sich ein Herz, wie man so schön sagt, setzt sich zu ihm.  Emanzipiert.  Ich frage mich: Warum nicht gleich so?

Zwei Tische weiter eine Nette.  Die Haare streng gescheitelt sieht sie dennoch ganz lieb aus.  Bittender Gesichtsausdruck: Ich bin lieb, hab' mich auch lieb.  Sie bemerkt meinen Gesichtsausdruck nicht: Ich bin lieb, hab' mich auch lieb.  Leider.  Bleib' ich halt allein.

"Fräulein!" Quatsch, ich bin ja per Du mit Gaby (Wegen dem schlafen mit ihr).  "Gaby, sei lieb und bring' mir noch ein kleines Helles, Schnelles für'n Heimweg. " "Bitte. " "Danke. "

Hinten in der Ecke ein älterer Herr.  Blaues Hemd, graue Jacke, graues Haar, Hose kann ich nicht sehen, sicherlich aber auch grau.  (Erinnert mich an Herrn Koschel, ein sehr lieber älterer Kollege aus der Firma) Wahrscheinlich ist er Rentner.  Vielleicht trauert er ein bisschen seiner Jugend nach.  Ob er noch bemerkt wird? Will er noch bemerkt werden? Oder interessiert er sich nur noch für sein Weinglas. 

 

Möglicher Weise unterliegt er aber der uralten Arroganz: Was bilden sich diese jungen Hupfer denn nur ein? Ich weiß es besser.  Zwei Weltkriege, Gefangen-schaft in Russland . . .

Vielleicht ist er aber auch gar nicht einsam.  Was weiß denn ich schon.

Der Stammtisch ist heute leer.  Bis auf die ältere, die den Jüngeren zu sich gebeten hatte und sich dann doch zu ihm gesetzt hat, wegen des verschütteten Bieres. 

Ja der Stammtisch.  Einmal, Mittags, es war kein anderer Platz mehr frei und so bat mich die Wirtin doch am Stammtisch Platz zu nehmen. 

"Grüß Gott" sage ich höflich.  Als Antwort ein Murmeln, was wohl so viel heißen sollte, was will denn der hier, was hat der denn hier verloren.  na ja.

Frau Wichtig (Die Mittelpunkt-Lady) ist gerade auf Tö gegangen.  Umweg.  Nur nicht an mir vorbei.  Mal sehen, welchen Weg sie wählt, wenn sie fertig ist, ich meine, wenn sie zurück kommt.  Vielleicht bei mir? Vielleicht kann ich sie mit meinem liebsten Lächeln auf mich aufmerksam machen.  Mal sehen.  Tatsächlich.  Sie kommt bei mir vorbei.

Klar, der Zigarettenautomat steht ja neben meinem Tisch.  Mein liebstes Lächeln? Sie bemerkt es nicht. 

Heinz fällt mir gerade ein.  Er wirkt mal wieder wie der Chef.  Ist er aber gar nicht.  Er ist "nur" der Kalfaktor.  Na ja, um 23. 00 Uhr lacht er wieder.  Da darf er wieder Skat spielen.

Die Putzfrau wieselt gerade um die Ecke, rote vom Lockenstab ausgebrannte Haare, knallrote Lippen, wie aus einem englischen Horrorkrimi entsprungen.  Arme Frau.  Warum? Ich weiß es nicht.

Ich glaube, ich werde Petra kurz anrufen.  Muss noch einen Augenblick warten, ein großer schwarzer Hund hat sich gerade auf meinen Fuß gesetzt.  Er wartet auf seine Streicheleinheiten, ja, er ist ein großer Hund und benötigt seine Streicheleinheiten.  Und wer streichelt mich? Ach so, Petra, Petra ist meine Nachbarin.  Tolle Frau.

10 Minuten später . . .

Habe angerufen.  Sie liegt schon im Bett.  Ich habe auch schon mal darin gelegen.  Tolle Frau; aber ein wenig egoistisch, nimmt gerne.  Nun gut, irgendwann mal wieder. 

Eigenartig, Doris fällt mir gerade ein.  Ich habe sie in der Klinik kennengelernt.  Ich möchte ein Baby von ihr haben. Das klingt komisch? Finde überhaupt nicht.

 

Erstens ist sie mir zu schade für ein Abenteuer und zweitens, ich glaube, ich liebe sie.  Bin mir nicht sicher, ich wünsche es mir aber.  Mittelklein, Blond, süße Figur . . .  was erzähle ich denn da, das geht ja schließlich nur mich etwas an; sie natürlich auch.  Und ganz davon abgesehen ist Figur und so was gar nicht so von Bedeutung, solange es sich nicht um eine Mülltonne oder Bohnenstange handelt, aber geil sieht sie schon aus meine kleine lolitahafte Doris.

Aber zurück zum Thema.  Wo waren wir stehen geblieben? Ach so ja: nicht stehen - sondern sitzengeblieben? Außer einmal in der Schule, jetzt hier in der Kneipe.  Nette Kneipe, schöne Kneipe, gute Kneipe, um es einmal in der Sprache Gollum's, des drolligen Monsters aus Mittelerde, Heimat von Frodo, dem Hobbit und Gandalf auszudrücken.

Der alte Herr, der mit dem blauen Hemd, dem grauen Sakko und dem grauen Haar ist gegangen.  Ich hatte übrigens recht, er hatte tatsächlich eine graue Hose an.  Auch die dickbusige, erinnerte mich an Lucy aus Dallas, ist nicht mehr da.

Eigentlich wollte ich, dass Edith hier ist. Aber sie hatte ein Date, eine Verabre-dung.  Vielleicht auch gut so, hätte ich doch sonst keine Zeit zum Schreiben.  Trotzdem wäre es schön, wenn ich hier jetzt nicht allein wäre. Vielleicht sollte ich Edith II anrufen, sie ist eine Freundin von Edith I.  In sie war ich zuerst verliebt.  Deshalb ist sie für mich auch Edith I, obwohl sie nun nicht mehr die Nummer Eins für mich ist.  Denn, denn dann lernte ich Edith zwei kennen.  Ja und da war es plötzlich geschehen. 

Aus bei Edith I (da bin ich ganz ehrlich, ganz konsequent. ) und bei Edith II keine Chance zum Landeanflug.  Dabei, ja, dabei  habe ich sie wirklich geliebt, diese Edith II, aber sie konnte nicht.  Aus Rücksicht auf Edith I, ihre beste Freundin.  Und, wenn ich ehrlich bin, das finde ich richtig gut.  Menschen, für die Freundschaft an erster stelle steht.

Ich werde vielleicht mal einen Schlagertext schreiben und ihn Peter Maffay anbieten.  Warum eigentlich nicht?!

 

Ein kleiner Dackel wuselt gerade schnuppernd durch die Kneipe, gerade so wie ein kleiner Staubsauger.

Neue Menschen am Tisch gegenüber.  Glatzkopf mit Bart und blauer, schwarzbehaarter Windjackenbraut.  Immer ein wenig dümmlich, aber sicherlich ganz nett und ganz lieb.  Wie diese kleinen Dummerchen  halt sind. 

Giftgrüner Pullover, Neuzugang.  Haarknoten.  Mag ich nicht.  Egal.  Interessiert sich auch gar nicht für mich.

Heinz läuft gerade ganz aufgeregt durch die Räumlichkeiten, wartend, dass es endlich 23. 00 Uhr ist.  18 - 20 - passen.  Oder Schafskopf klopfen, muss ich mir auch mal beibringen lassen.  Einmal, da habe ich Skat mit ihm gespielt (Große Ehre am Stammtisch!) Heinz wird gerne pampig, wenn es mal nicht so läuft, wie er sich das vorstellt.

Rechts von mir ein neues Pärchen.  Er bestellt ein Weißbier, und das nach 12. 00 Uhr Mittags (Ganz schön stillos, Preuße halt.) Wenigstens sie ist o. k.  A Holbe und Schweinswürsteln.  Moment mal . . .  ich versuche herauszubekommen, über was sie reden . . .  aha: über Andere. 

 

"Der da drüben hatte doch letztens diese unmögliche weiße Jacke an." Die sollten sich mal selber  anschauen, diese Lästermäuler.  "Bla, bla, bla. . . „

Edith II fällt mir wieder ein.  Liebe ich sie? Aber was ist mir Doris? Ich glaube, ich fühle mich einfach wieder mal nur einsam.  Die neuen Gäste, also die Lästermäuler, stellen gerade fest, dass irgendwelche Bekannte von ihnen ganz nett sind.  Man müsste sich endlich mal für die Einladung auf die Jacht in Ibiza revanchieren.

Ich vermisse Karin heute, die Wirtin. Wahrscheinlich ist sie einmal mehr im Jum, in die Schnapsflasche gefallen.  Schade.

Im Sommer, an den Wochenenden macht sie mir immer eine tolle Frühstücksstulle für meine Radltour.  Manchmal, wenn ich zahlen will sagt sie auch: "Is scho guat. "

 

Vielleicht mag sie mich.  Leider aber ist sie schon ein bisschen zu alt für mich, ich meine für ein Zusammenleben, könnte ja meine Mutter sein.  20 Jahre älter als ich, wo kommen wir denn da hin. 

Das wäre ja so, als wenn Doris 20 Jahre jünger wäre als ich.  Oh Gott - ist sie ja.

Habe Edith II noch mal angerufen, 10 Jahre jünger als ich.  Ich habe ihr einen Heiratsantrag gemacht.  Einfach so.  Vielleicht zu früh.  Ich denke an Doris.  Edith II hat übrigens nein gesagt.  Wer weiß, für was das gut ist.  Wie mag sie zu mir stehen? Doris ist ein Mädel, eine Frau, von der ich wünschte, dass sie Mutter des einen oder anderen Kindes sein würde.  Vielleicht auch die Mutter aller Beider.  Edith II ? Vielleicht ist sie in Gedanken so etwas wie eine Ersatzmutter für mich? Na ja . . .

Bestell mir Gaby noch ein Bier.

 

Das Pärchen rechts von mir spricht gerade über jemanden, der eine Rolex am Arm, einen Brillanten im Ohrläppchen und zu viel Gold in den Zähnen und Geld hat.  Ganz doll.

Der Foxterrier war gerade bei mir, scheint beleidigt zu sein, dass ich ihn nicht beachtet habe. Werde ihm beim nächstenmal ein paar Streicheleinheiten geben.

Skatrunde rechts von mir: "46 . " "Weg. " "Null. " " Kontra. " "Re. " Gewonnen.

Edith, Doris, Nachbarin, Alleinsein, Bier trinken, das sechste, Doris, Edith . . .  Warum gehen Menschen in die Kneipe???

"Gaby, zahlen bitte. "

"Is scho zahlt. "

"Wer? "

Die Coole war's, die, die unbedingt im Mittelpunkt stehen wollte, die, die mich nicht beachtet hat, hat zahlt und a Adressen für mich hinterlassen.  Geh' ich eben hin, besoffen wie ich bin.

Scheiß Kneipenleben.                                                                    Montag, 13.  September 1993