Herr H. und ich.

Oder: Murphy war nie auf unserer Seite.

Diese Geschichte hat mir das Leben geschenkt, nach dem es mir das Leben wieder geschenkt hat.

Copyight by  Colin-Aleksander Vaupel, August 1999

 

 

   

 

Ich

 möchte gerne die Geschichte von Herrn H. erzählen, einem netten älteren Mann, der die Jahreswende wahrscheinlich nicht mehr erleben wird. Es wird allerdings auch meine Geschichte sein, denn die Erlebnisse um die es geht, sind ein Teil meines Schicksals, meines Lebens geworden.

 

Widmen möchte ich diese Erzählung allen, die richtig krank sind; noch mehr jedoch denen, die gesund, munter und wichtig durch ihr Leben laufen und nicht daran denken, dass sie einen Körper strapazieren, der irgendwann mal den Dienst quittieren, bzw. zur Meuterei antreten wird. Ich wünsche allen, dass es dann nicht bereits zu spät ist, dass sie noch rechtzeitig sensibilisiert sind und die Hilferufe und Vorwarnungen, die ihnen ihr Körper sendet, erkennen. 

Wenn ein guter Freund Ihre Hilfe benötigt sind Sie doch ganz bestimmt und bedingungslos für ihn da – und - Ihr Körper ist ihr allerbester Freund. 

Colin-Aleksander Vaupel 

PS: Auf die Idee meine Gedanken zu 13 Tagen auf Station 13 auf 13 Seiten zu bannen, hat mich Yvonne gebracht. Ein einfaches und wundervolles Geschöpf. Was sie nicht verarbeiten kann, schreibt sie auf. Erst in ihrer Heimatsprache dann in Deutsch:

 

Ich kann dem Leben

Nicht mehr Tage geben.

Aber dafür dem Tag

Mehr Leben.

 

        (Yvonne)
 

 

Es

 begann an einem frühen Mittwochvormittag als mich Oberschwester Hedwig in mein Krankenzimmer führte. Irgendwie fühlte ich mich trotz dieses kurzen Klinikaufenthalts leicht beschwingt und in keinster Weise beängstigt.

Meine Dermatologin hatte bei einer Untersuchung bezüglich meines Hämorrhoidenleidens einen Polypen im Darm diagnostiziert. „Nichts Schlimmes“ meinte sie, „er sollte dennoch so schnell als möglich operativ entfernt werden.“ 

So betrete ich also mein Zweibettzimmer, einen recht freundlichen Raum. Für mich eigentlich recht ungewöhnlich tue ich das  recht selbstbewusst. Und so trat er, halb sitzend, halb liegend, in mein Leben. Ein bescheidener, sehr freundlicher älterer Herr. „Darf ich sie miteinander bekannt machen, das hier Herr H., ist ihr neuer Zimmernachbar, Herr Vaupel“, stellt uns die Oberschwester einander vor. 

Höflich, uns freundlich anschauend, reichen wir einander die Hand. „Sehr angenehm.“ „Es freut mich ebenfalls.“

Als Schwester Hedwig das Zimmer verlassen hat, kommt seine erste Frage: „Stört es sie, wenn das Fenster immer auf ist?“ Nein, ganz im Gegenteil, ich kann ohne Frische Luft nicht leben.“  

Daran, dass unsere Seelen, wenn es einmal so weit sein sollte, uns durch ein geöffnetes Fenster bequemer verlassen können, daran habe ich damals nicht gedacht; das ist mir erst jetzt beim Niederschreiben der damaligen Erlebnisse in den Sinn gekommen. Daran, dass die Engel unseres VATERS sie am offenen Fenster besser abholen können, schon gar nicht.

Nachdem ich mich einigermaßen häuslich in meinem neuen Zuhause eingerichtet habe, der Fensterplatz war ja leider besetzt, ist es auch schon soweit für den Besuch des Stationsarztes. Blutentnahme, Puls und Blutdruck messen. Kurzes Verhör über meine früheren Krankheiten bzw. Gebrechen und abschließend das Erklärstück bezüglich des am morgigen Vormittag anstehenden Eingriffs. Klar, dass bei jeder Art von Operation auch etwas schief gehen kann. Man kennt ihn ja den berühmten Satz aus der Pharmawerbung: „Zu Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen sie Ihren Arzt an der Theke.“ 

Ich fragte mich ob sich Murphy, sie wissen schon, der, der es immer wieder schafft, dass alles was schief gehen kann, dann auch wirklich schief geht, ich frage mich, ob sich dieser, mein Intimfeind, heraus halten wird. Um es schon einmal vorweg zu nehmen: er hat weiß Gott fürchterlich zugeschlagen. 

Der Eingriff am darauf folgenden Donnerstag, selbstverständlich vom Professor selbst vorgenommen; wozu ist man schließlich Privatpatient J,  klappte vorzüglich. Keine in Möglichkeit gestellte Perforation des Darms, 6 Polypen erfolgreich entfernt. Zwar wurde ich mit einer Injektion teilweise in das Land der Träume geschickt, dies allerdings nicht sehr erfolgreich. Denn ich konnte alles am Bildschirm miterleben. Live und Farbe. „Eine Reise durch einen Teil meiner Innereien oder die Aliens in mir? Egal. 

Zurück auf Station, ich war längst wieder so richtig wach, erwartet mich so richtig fürsorglich Herr H.: „Na wie war es, was ist dabei herausgekommen?“ „Keine Ahnung, ich weiß nur, es waren mehr als nur ein Polyp, es waren deren 6 und einer von ihnen könnte ein böser Junge sein, meinte der Professor.“ 

Ich fange an meinen Nachbarn näher zu beobachten. Ob man will oder nicht, man wächst irgendwie zu einer kleinen Gemeinschaft, wenn nicht gar zu einer kleinen Familie zusammen.  

Jeder bekommt einfach vom anderen so gut wie alles mit. Ob er mit seinem Sohn telefoniert oder  mit seinem Arzt spricht. Oder ob er seine Freundin einfach wieder wegschickt „Ich will jetzt schlafen, geh bitte!“, und das obwohl sie gerade erst gekommen ist um sich wirklich liebe- und hingebungsvoll um ihn zu kümmern; seine Frau, von der er nur als Mutter seines Sohnes spricht, darf natürlich nicht von der Freundin wissen, So hat sie also die mit Eiswürfeln gefüllte Thermoskanne, Herr H. liebte kalte Getränke und Joghurts mit Eiswürfeln über aller Maßen, also einfach abgestellt und ist ohne dabei böse auszuschauen leise wieder gegangen. Umsonst hat sie sich wieder sehr schick angezogen für ihn.  

Schicke farbenfrohe und freundliche Kleidung; zumeist samtene Miniröcke und zu ihrer blonden Kurzhaarfrisur passende modische Blusen dazu. Ich schätze Frau F., die übrigens in der Verwaltung des Klinikums arbeitet so auf ca. 50 Jahre, obwohl sie jünger wirkt, was nicht nur an den modischen kurzen Röcken liegt, die ihr wirklich sehr gut stehen. Irgendwie erinnert sie mich an die ewig frisch und jugendlich sexy wirkende Tina Turner.  

Doch, ich muss gestehen, dass mich das ruppige Benehmen meines Zimmergenossen einigermaßen genervt hat und ich mich ab und zu, die Augenbrauen hochziehend,  leicht angesäuert, abgewendet habe.

Diese Reaktionen tun mir heute noch unendlich leid; nun zu meiner Entschuldigung möchte ich sagen, ich kannte ja den Grund des Aufenthaltes von Herrn H. hier im Klinikum zu dieser Zeit noch nicht.
 

Der Abend verläuft recht ruhig. Herr H. schläft sowieso fast rund um die Uhr; oder tut er etwa nur so? Um nicht... um nicht reden zu müssen? Ich lese noch eine weile, nachdem ich mich bei ihm versichert habe, dass ihn meine Nachtlampe auch wirklich nicht stört. Herr H. ist so freundlich, devot und freundlich. Als ich gegen 22.00 Uhr das Licht ausschalte höre ich, wie er sagt: „Lassen sie es nur an, Herr Vaupel, es stört mich wirklich nicht.“ Ich schmunzele vor mich hin und vergesse wieder die kleinen Starrköpfigkeiten seiner Familie gegenüber.  

Kurz darauf muss ich dann eingeschlafen sein. Ich glaube es war so gegen 04:00 Uhr, als dann besagter Murphy so richtig zugeschlagen hat. Von Schmerzen gekrümmt, schaffe ich es gerade noch den Klingelknopf für die Schwester zu finden und auch zu drücken. Ein paar Sekunden später ist sie auch schon da. Und noch ein paar Sekunden später auch die Diensthabende Nachtärztin, Frau Dr. V. Dass sie sehr schön ist, darauf konnte ich in diesem leidvollen Augenblick nicht achten. Dann ist mir plötzlich wie beim Karussell fahren auf dem Oktoberfest. Die Ärztin rollt mich mit meinem Bett in rasender Geschwindigkeit über Flure, parkt mich in enge Fahrstühle ein und dann in den mir noch enger vorkommenden  Röntgensaal. Das Boxenteam von Michael Schumacher hätte das nicht besser bewerkstelligen können.  

Verdacht auf Darmdurchbruch., der sich Gott sei Dank dann doch nicht bestätigt. Das wissen die Ärzte, Schwestern und ich erst fast drei Tage später. Bis dahin Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen. Zu viel Medikamente genehmigt der große bärbeißige Chefchirurg, mit seinen gutmütigen und doch stechenden Augen allerdings nicht. Er hat Angst auf Grund einer nicht rechtzeitig erkannten Schmerzveränderung zu spät zu reagieren, operativ zu reagieren. Ich bin froh, das wir das Jahr 1999 schreiben. 20 Jahre früher hätte man mir längst den Bauch aufgeschnitten, weil man einfach geil darauf war zu schnippeln; eingestehen will ich, dass man heutzutage nicht mehr so neugierig auf neue unbekannte Erfahrungen ist, man hat jede Menge davon. 

Und immer wieder erkundigt sich Herr H. besorgt um mein Befinden. Bis ich plötzlich beobachte, dass sich bei ihm das eine oder andere Symptom ebenfalls zeigt. Als mir einmal richtig schlecht wird, klagt auch er über Übelkeit, um nur ein Beispiel zu nennen. Warum tut er das? Diese Frage stelle ich mir zuerst mehr oder weniger unbewusst. Später dann wird mir so langsam immer klarer, was dahinter steckt. Er hofft einfach, dass sein schlechter Gesundheitszustand einfach nichts mit seinem doppelten Krebsleiden und somit dem langsam aber sicher dahin gleitenden Körperverfall zu tun hat. 

Wieder ein Schmerzanfall, wieder eine Injektion zur Linderung und neuerliche Röntgenaufnahmen. Man will wissen, ob sich  Luft im Bauch angesammelt hat. Wenn ja, wäre tatsächlich ein Loch im Darm und der große, einen mit tief liegenden finsteren und durchdringenden Augen anschauende Oberarzt der Chirurgie, der irgendwie immer aus seinem weißen Kittel zu platzen scheint, müsste zu seinem Skalpell greifen. Er muss nicht. Es stellt sich heraus, woher die Schmerzen kommen.  

Die Polypen wurden ja mit einer feinen Schlinge entfernt. Wie ich während des Eingriffs mitbekommen konnte geschieht das irgendwie mit Laserenergie. Es dampfte jedes Mal, wenn einer von den Jungs von mir getrennt wurde. Fast so was wie ein elektrischer Stuhl für die armen Kerlchen. Was mir also solche Schmerzen verursachte war eigentlich nicht mehr und nicht weniger als eine Verbrennung. hervorgerufen besonders durch das Beseitigen des bösen Jungen Nummer 6.  Und ich hatte ihn schon in Verdacht, sich heimlich durch die Darmwand gebeamt zu haben um sich dann, einem Alien gleich, durch meine Bauchdecke ins Freie zu begeben. Ja – „Nummer 6“, wie ihn die Histologen in ihrem späteren Bericht nannten, hat es mir nicht leicht gemacht, hat viel verändert in meinem Körper, ja in meinem Leben. 

Wie war das noch? Man vergisst so leicht das Gefühl für die Zeit in der Klinik. Mittwoch in einmarschiert, Donnerstag der An- bzw. Eingriff. Ja es der war der Freitag, der mich die Wahrheit über Herrn H. Erfahren ließ. Visite. Ich war mitten in meiner eben ja geschilderten Schmerzphase, also nichts neues, auch noch nicht über den Befund meiner guten oder bösen Jungs, somit begaben sich also die Stationsärztin und ihr Kollege gleich zu Herrn H. 

„Wie geht es Ihnen heute?“ Ganz gut, aber ich habe noch immer nicht meine Fangopackungen, Moorbäder und Massagen bekommen. Die tun mir doch so gut, liebe Frau Doktor.“  „Ja wir werden das noch besprechen Herr H.. Heute muss ich Ihnen leider etwas anderes sagen. Wir glauben nicht, dass sie noch einmal nach Frankfurt zu ihrer Chemotherapie fahren sollten. Die ersten beiden haben nichts gebracht, im Gegenteil. Die Metastasen in Ihrer Leber sind vielleicht nicht mehr geworden, jedoch die in Ihrem Magen. Es lohnt sich nicht mehr, dass Sie ihren Körper weiterhin quälen, belasten.“  

„Also keine Rettung mehr?“ Herr H. Tapfer, sehr tapfer.

„Nein, leider Herr H. wir haben den Ist - Stand erreicht. Wir können nichts mehr tun.“ 

Diesen Satz habe ich sonst nur im Filmen oder in Büchern gehört und gelesen. Zu letzt im „Traumfänger“ von Marlo Morgan: „

Es tut uns leid, wir können nichts mehr für ihn tun, jetzt liegt alles in Gottes Hand.“ 

Ärzte und Schwester verließen unser Zimmer. Für sie erschreckend normaler Alltag auf dieser Station, etwa so wie für den Kriminalbeamten, der irgendwelchen wildfremden Menschen mitteilen muß dass er/sie Witwe, Witwer, Weise oder sonst etwas geworden ist. Für die Beamten wurde halt  ein Angehöriger ermordet – Schluß aus. 

Für kurze Zeit vergesse ich meine Schmerzen. Was habe ich denn schon auszuhalten, dieser Mann da im Bett neben mir wird bald schon keine mehr, wird bald schon gar nichts mehr haben, weil er, so wie es aussieht, vor dem großen Tag Millennium  schon nicht mehr da sein wird. Hinfort gerafft von den Gebrüder Magen- und Darmkrebs; als wenn einer nicht schon gereicht hätte. 

Während ich mir ein Paar Tränen erfolglos versuche zu verkneifen, sitzt Herr H. irgendwie ruhig und zufrieden wirkend an seinem Tisch und liest seine Zeitung. Liest seine Zeitung, als wäre nichts geschehen. An der Tür Klopft es. Seine Freundin kommt herein, gibt ihm einen zärtlichen Kuß. „Na wie war die Visite, was hat die Frau Dr. gesagt?“ „Ach Schatz, ich soll nicht mehr nach Frankfurt zu Chemotherapie fahren, das lohnt sich nicht mehr. Jetzt werden wir wohl doch  nicht mehr Sylvester feiern können.“ 

SIE reagiert wunderbar, und wieder muss ich meine Tränen zurückhalten. Weißt Du mein Schatz, Du kommst in ein paar Tagen nach Hause und dann machen wir es uns richtig gemütlich, ich koche Dir Dein Lieblingsessen,“ „Ja meine dicken Suppen“ „Ja, die und alles andere was Du so gerne magst.“ 

Ich bin dann erst mal raus gegangen, um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen. Es sind 5 geworden und richtig weinen konnte ich auch nicht. Es waren zu viele Leute da. Welche mit Infusionsflaschen, welche ohne Infusionsflaschen. „Wann wirst Du operiert?“ „Wann fangen sie mit Deiner Chemo an“. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl hier im falschen Film zu sein. „Das Haus der lebenden Toten.“ Ein verrückter Streifen. Ich wollte weg hier, einfach nur raus. 

Freitag Abend. Herr H. ist still und freundlich wie immer, er geht ins Bad um zu duschen, ich habe Angst um ihn, möchte am liebsten zur Schwester gehen, ihr sagen, ich glaube der Herr H. tut sich was an, passen Sie bitte gut auf ihn. 

In der Nacht wache ich bei fast jeder Bewegung von ihm auf; obwohl in der Zwischenzeit etwas noch viel gravierenderes, für mich viel gravierenderes geschehen ist.

Es war so gegen 19:30 Uhr und mein Professor kommt in unser Zimmer. Mit gesenktem Haupt schleicht er, mehr als er geht,  herein und ich denke mir so: „Das ist ja mal ein super Mediziner, kommt, nachdem er fast 20 Stunden gearbeitet hat, noch einmal zu seinen Sorgenkindern und somit auch zu Herr H.
 

Falsch

 gedacht. Neben meinem Bett rechts befindet sich gleich ein doppelter  Kleiderschrank und in Stuhl. Auf den setzt sich der Mann in Weiß. Er stützt die Hände auf die Knie und lehnt sein schweres Haupt dabei fast links an die Schrankwand. 

„Nun, Herr Vaupel, wie soll ich es ihnen nur sagen....“ „Wie lange noch, Herr Professor?“ „Nun ja, ich habe ihnen heute 6 Polypen herausgenommen“ er kann ja nicht wissen, dass mir das nicht unbekannt ist, dass ich alles gesehen habe, „ Bei den ersten 5 habe ich überhaupt keine Bedenken, die sind in keinster Weise bösartig. Der 6., der mit 2 cm Durchmesser, der sieht sehr bösartig aus, und wir müssen das Stück Darm auf dem er saß  heraus operieren.“

Das alles sagt er sehr bedächtig, ja bewegt und traurig, dass er anfängt mir so richtig leid zu tun. 

„Die Gefahr, Herr Vaupel ist nun, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass durch diesen Eingriff, dass durch das Entfernen des Teils der Darmwand an auf der der  Polyp saß sehr wahrscheinlich der Schließmuskel des Darms in Mitleidenschaft gezogen werden wird und wir Ihnen...“ „Einen künstlichen Ausgang, Sie meinen ich werde mit einer Plastiktüte herumlaufen müssen? Dann brauchen Sie mich gar nicht erst wieder zunähen, da können Sie mich gleich in den Keller schaffen lassen.“ 

„Es tut mir leid Herr Vaupel.“ Er verlässt, nicht ohne Herrn H. und mir eine gute Nacht gewünscht zu haben, das Zimmer. Dass er jetzt erst mal in Urlaub geht hat er mir  nicht gesagt. 

Herr H. hat das alles natürlich mitbekommen. Doch wenn da jemand glauben mag, er hätte ich sich auch nur ein bisschen gefreut, dass ich jetzt dazugehöre, von wegen: „Das wird schon  nicht so schlimm sein, unser lieber Professor übertreibt gerne.“ Die gute Seele mit Namen H. 

Ich gehe wieder auf den Balkon zu den anderen. Das kann ich mir mit ruhigem gewissen leisten, gehöre ich doch jetzt  auch auf die Liste, auf der sie schon lange stehen, und von der sie mehr oder weniger bald gestrichen werden; auf die Liste derer, die heute schon wissen, wie lange noch. Rauchverbot unnötig ist überhaupt ausgesprochen zu werden. „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit.“ hinterlassen die freundlichen EU – Gesundheitsminister ihre gut gemeinte Grußbotschaft auf meiner Zigarettenschachtel. „Danke meine Herren, ich verspreche ihnen, ich höre schon bald auf zu rauchen; früher als Sie denken. 

Der Balkon, recht groß mit verschleiertem Blick ins Grüne. Verschleiert deshalb, weil von einem Drahtnetz gesichert ist. Zu Anfangs dachte ich, dass man diese Vorrichtung zum Schutz der Patienten angebracht hat; damit keiner runterspringt. Die Wirklichkeit sieht wieder einmal ganz anders aus, als die meiner Gedanken: Die lieben putzigen und immer hungrigen Tauben sollen den Balkon nicht mit ihren Exkrementen verzieren. Nun ja, vielleicht hätte man Christo mit der „Verpackung“ des Klinikums beauftragen sollen. 

Wolfgang und Michael sitzen, wie fast immer zusammen und versuchen Rätsel zu lösen. Fein säuberlich in einem Aktenordner abgeheftet, die Lösungen ganz hinten. Das Bild der Beiden, zu denen ich mich hin und wieder geselle, hat etwas Skurriles.  

Wolfgang, ein schmächtiger mittelgroßer Mann mit immer müden und doch immer ironisch blickenden Äuglein ist derjenige, der immer laut denkt. Das tut er nicht nur beim Rätseln, sondern eigentlich den ganzen Tag. Das gesteht er auch selbst ein. Irgendwann hat er mir mal erzählt: „Weist Du manchmal, wenn ich so über das Leben nachdenke, fallen mir die komischsten Sachen ein und dann denke ich laut darüber nach und muss über mich selber lachen. Wer mich beobachtet, denkt sicherlich dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe.“ Er sagt es, lacht wieder einmal über sich selbst und versinkt scheinbar in seiner inneren Traumwelt.  

Michael, er ist der forschere Typ der beiden irgendwie lustigen Gesellen, gibt gerne Anweisungen. „Nun Ratet mal schön, ick bin gleich wieder da.“ brabbelt er in seinem Berlinerisch los. Verschwindet für kurze Zeit und kommt mit einem „Ick kann aber jar nich feststellen, det sich da wat geändert hat bei den Rätsel. Jut, dann muss ick die Sache mal angreifen.“ Er fängt auch an, doch wird er immer wieder vom Klingeln seines Handys unterbrochen. Michael ist Anwalt, wie man heraushören kann. Keiner dieser Bossie‘s, eher einer wie Liebling Kreuzberg mit viel Herz für die bösen Buben. Irgendeiner von ihnen sitzt wohl bei seinem Partner im Büro, hat irgendeinen Termin mit seinem Bewährungshelfer verschlafen und außerdem schon wieder eine neue Klage am Hals. Michael lässt sich dann wieder seinen Kompagnon geben: „Der spinnt ja wohl, wa? Hat er eijentlich schon Kohle rübergeschoben?“ Wie viel? Det wes ick doch nicht. Ick globe, ick hab da bei de Kalkulation wieder mal Scheiße jebaut.“ 

Ende eines weiteren Telefonats oder war es sogenannter bestellter Anruf J? „Wat denn Jungs, ihr seid ja immer noch nich weiter mit den Rätsel, muß ich denn allet selbar machen, wa?“ 

So lustig das mit den beiden ist, ich laufe wieder, wie ein Tiger in seinem Käfig, zurück in mein Zimmer. Kaum dort angekommen, würde ich am liebsten schon wieder eine rauchen gehen. Herr H. sitzt am Tisch, ich weiß nicht ob er wirklich Zeitung liest oder einfach nur die grünen Bäume bewundert. Einer hat es ihm besonders angetan, Er ist auch grün, doch anders als seine Kameraden; irgendwie kleiner, zierlicher und so, als wenn er nicht aus dieser Gegend stamme. 

Geredet haben wir eigentlich kaum, Herr H. und ich; und dennoch fühlte ich eine immer stärker werdende Vertrautheit, eine, die mir gut getan hat.  

Vertrautheit verspüre ich auch hinsichtlich des gesamten Ärzte‑ und Schwesternteams. Ja, sie geben sich viel Mühe mit mir. "Herr Vaupel, machen sie sich bitte nicht verrückt, unser Chef ist leider nur all zu oft viel zu voreilig mit seinen Prognosen. Wie konnte er ihnen so etwas nur antun, wir haben ja noch nicht einmal den Bericht der Histologie." Netter Versuch mich zu trösten, denke ich so bei mir. Eigenartig dabei ist für mich meine Gedankenwelt: Sollte ich doch irgendwie fürchterliche Angst haben, nicht mehr sehr alt zu werden. Jedoch die Vorstellung bald mit einer Plastiktüte, in dem meine Fäkalien schon bald herum schwabbeln sollten durch mein verbleibendes Leben herumzuwandeln, diese Vorstellung macht mir mehr zu schaffen als alles andere, auch wenn ich durch diesen Umstand eigentlich viel Toilettenpapier sparen würde.. 

Ich muss an meinen Patensohn Maximilian und seine Geschwister denken, die sich gerade im ligurischen Meer tummeln. Wie sollte ich jemals noch mit ihnen schwimmen können oder dem kleinsten, dein Filou mit Namen Vincent vielleicht das Schwimmen beibringen. Nichts ist auf einmal mehr wie noch vor ein paar Tagen. Ich beschließe als vor der Operation ganz schnell ans Meer zu fahren, um meine Lieben noch einmal so zu umarmen, wie ich bin, noch bin. 

Herr H., der nur sehr mühsam aufstehen kann, sein Hüftgelenk plagt ihn nämlich auch noch, hat endlich Besuch von einer Gymnastin bekommen. Sie macht ihm den Vorschlag einen Gehstock zu Hilfe zu nehmen. "Hören sie mal zu Schwester, ich bin doch noch kein alter Mann." Sagt er kummer- fast vorwurfsvoll. Eine Stunde später hat er seinen braunen, fast eleganten Stock. 

In der Zwischenzeit habe ich versucht ihm zu erklären, dass so eine Gehhilfe doch keine Schande ist, sondern fast ein modisches Accessoire. Er scheint zu verstehen, was ich ihm sagen will. "Ein Stock macht einen noch nicht zum Krüppel oder Greis. 

Als Herr H. ihn dann überreicht bekommt, seinen Spazierstock, probiert er ihn auch sofort aus. "Das funktioniert ja wirklich ganz gut, und schick sieht er auch aus. Kann ich den mitnehmen, wenn ich morgen nach Hause gehe?" Ja sicher doch." "Lange brauche ich ihn ja nicht mehr, ich verrecke ja sowieso bald, dann bekommen sie ihn wieder zurück." 

Wie er das sagt : "Ich verrecke ja sowieso bald." Es macht mich sehr traurig, denn klang es doch in keinster Weise vorwurfsvoll oder gar aggressiv, ganz im Gegenteil. Nicht dass ich glaube, er freut sich auf den Tag; doch ich habe das Gefühl, er hat seine Ziele, die wirklichen für dieses Leben, erreicht. 

Vielleicht sehe ich das auch ganz falsch und Herr H. ist einfach nur zu stark um seine wirkliche Trauer nach außen zu kehren. Ich werde wohl nie erfahren, was wirklich in ihm vorgeht bis der eine Tag für ihn gekommen ist. 

Am nächsten Morgen war es soweit. Die letzten Infusionen auf der Station 13, in Zimmer 313, seine Sachen hatte sein Sohn schon eingepackt, und da stand er da , irgendwie ein wenig stolz auf seinen Gehstock gestützt, vor mir. 

"Alles Gute für Sie, Herr Vaupel." Ich wusste nicht, was ich ihm hätte antworten sollen, außer: "Es war sehr wichtig für mich, Sie kennen gelernt haben zu dürfen." 

Dann habe ich ihn einfach nur in den Arm genommen, wie ich vielleicht gerne einmal meinen richtigen Vater in die Arme genommen hätte. 

Ich glaube nicht, dass ich Herrn H. noch einmal wieder sehen werde, doch ihn vergessen? NIE !!!

Herr H. ist Zuhause. 

Ich bin noch ein paar Tage länger auf der Station geblieben, Einmal noch mitten in der Nacht auf dem Flur zusammengebrochen. Fast hätten sie mich auf die Intensivstation gebracht, weil ich so gut wie auf nichts reagiert habe. Mein Seelenkostüm wird noch lange brauchen, bis die Eisenbänder, die meine Brust einschnüren, sich wieder in Luft aufgelöst haben werden. 

Der Befund von Nummer 6 war übrigens nicht "negativ". Dennoch, hätten mich nicht meine Hämorrhoiden gequält, wäre ich nicht zu einer Spezialistin gegangen, wäre mit Sicherheit kaum ein halbes Jahr später alles so eingetroffen, wie es mein Professor jetzt zu früh prognostiziert hat. 

Auf eines möchte ich noch ganz besonders aufmerksam machen: Wenn Sie sich, was sie hoffentlich tun werden, eines Tages zu einer Krebsvorsorgeuntersuchung entscheiden, begnügen Sie sich nicht mit der von den Gesundheitsbehörden vorgeschlagenen Vorgehensweise: Der Hausarzt bohrt ein wenig mit dem Finger und sagt dann "Alles in Ordnung". Um Polypen, die guten und bösen Jungs in ihrem Darm zu finden, müsste er schon ziemlich lange Finger haben. Lassen sie eine große Darmspiegelung machen. Das tut nicht weh, die Krankenkasse zahlt es und nicht jeder Professor jagt Ihnen einen solchen Schrecken ein, wie es der meinige getan hat. 

Ganz zum Schluss möchte ich erstens noch zum Ausdruck bringen, dass ich trotz des Umstandes noch immer neben mir herzulaufen, sehr froh bin, das alles so geschehen ist, wie es geschehen ist, und mich zweitens bedanken: 

Bei der ganzen Station 13, vor allem bei Krankenschwestern, die auf ein und der selben Station immer weniger werden und ihre Arbeit dennoch

engagiert und mit Herz tun !!!

 

Colin-Aleksander Vaupel


 

 

Auf der Station der lebenden Toten

Bekommst Du täglich etwas auf die Pfoten,

wenn du deinem Arzt sagst

„Ich glaube Ihnen nicht.“

Oder gar die Frechheit besitzt ihn zu fragen:
„Gibt es da nicht noch so einen Wicht,

der Licht in die Ausweglosigkeit meines Dilemmas bringt?“ 

Ja, da ringt er mit seinem Ego;

und ein kleiner Junge baut mit seinen Lego – Steinen

eine neues Haus, es ist schon sein dritter Versuch,

um seinen Traum zu erfüllen.

Für Bruder Krebs interessiert er sich noch nicht,

obwohl es seinen Schulfreund längst erwischt hat

und er nie mehr mit ihm spielen wird. 

Die Eltern erklären dann:
„Der Liebe Gott hat ihn zu seinen Engeln gerufen, 
damit er da oben dann so schöne Häuser bauen kann aus Plastiksteinen. 

Und so baut er  dann der kleine Mann

so viele Villen, wie er kann.

Mit grünen Türen, gelben Fenstern und einem roten Dach,

damit wir lebenden Toten dort einziehen können

irgendwann, nachdem uns die Flucht

aus unseren geschundenen Körpern endlich gelungen ist,

wir ihn verlassen haben. 

Und zurück bleibt eine Krankenschwester die manchmal,

wenn sie müde und geplagt nach Hause kommt,

ganz still, ganz heimlich weint;

während draußen die Sonne,

während draußen am Himmel die Sonne scheint. 

     Ó Colin-Aleksander Vaupel 14.09.1999-Klinikum Bogenhausen, Station 13


 

 

Nachwort zu „Herr H. und ich.“

 

Heute, am 3. Juli 2009, also viele, viele Jahre, nachdem ich ihn kennen lernen durfte, habe ich während eines Liederabends mit Diakon Andi Weiss, habe ich Herrn H. wieder getroffen. Ihn, der dicke Suppen so mochte, dicke Suppen und kalte Joghurts, ihn, der offene Fenster so liebte.... 

„Offene Fenster“, als ich die Geschichte schreiben durfte, kamen mir die erklärenden Worte meines „Freundes“ wieder ins Gedächtnis. Wie hatte er es mir doch erklärt: „Wissen Sie: offene Fenster so gut sind für Seelen, die davon fliegen möchten, wollen.   So kommen sie schneller in den Himmel.“ „Zu JESUS.“ Hat er nicht gesagt. Aber vielleicht sehe ich ihn ja trotzdem wieder.

Als Herr H. mir diese Worte vermittelte, hatte ich mein Leben unserem PAPA noch nicht übergeben. Heute, viele Jahre später … schon …und ich schlafe immer noch oder erst recht und auch viel bewusster bei weit geöffnetem Fenster.

Noch einmal denke ich zurück: „Freitag Abend, unser letzter gemeinsamer Abend. Herr H. ist still und freundlich wie immer, er geht ins Bad um zu duschen, ich habe Angst um ihn, möchte am liebsten zur Schwester gehen, ihr sagen, ich glaube der Herr H. tut sich was an, passen Sie bitte gut auf ihn.“

Ich habe mich umsonst gesorgt; umsonst gesorgt und auch wieder nicht.

Doch, doch, doch: er hing am Leben, er hing am Leben allerdings nur in Form einer Batterie von Infusionsflaschen.  

Von dieser Verbindung, der einzigen, die ihn noch am Leben hier halten konnte, hat er sich, nur wenige Tage nach unserem Abschied.... hat er sich einfach gelöst, getrennt... 

... und seine Seele freigelassen. Ja, gut, dass das Fenster nicht geschlossen war. 

Heute, am 05. September 99 habe ich Herrn H. wieder getroffen...  in meinen Erinnerungen …

 

Colin-Aleksander Vaupel 

PS: Lieber Vater im Himmel, werde ich herrn H. trotz der Umstände… werde ich ihn bei Dir wieder sehen?!

  

 


 

 

 

 

Eine Stadt

in der Stadt

jedes Haus

mit einem Namen verziert

Eine Stadt

in der Stadt

in jedem Haus

ein Mensch

der sich nicht geniert

mit seinen Nachbarn

in Frieden zu leben

obwohl das einmal anders war

Eine Stadt

in der Stadt

man hat was man braucht

Manchmal kommt jemand

stellt Blumen auf dein Haus

auf dein Haus

im Getto des Friedens